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Tektonische Verschiebungen in der Forschungsförderung

 

Die Corona-Krise brachte dem Digital- und Pharmasektor einen Boost, Autobranche, Luft- und Raumfahrt aber einen Dämpfer. Die staatliche Förderung geht riskante Wege

Covid- und Pharmaforschung haben Hochkonjunktur, Luft- und Raumfahrt hingegen leiden ebenso unter der Coronakrise wie Autobranche und Verteidigung.

Wien – Die Corona-Pandemie geht auch an der staatlichen Förderung von Forschung & Entwicklung (F&E) und den unternehmerischen F&E-Investitionen nicht spurlos vorbei. Allein das Tempo ist berauschend: Die Staaten haben 2020 im Eilverfahren rund fünf Milliarden US-Dollar (4,3 Milliarden Euro) für F&E zum Thema Covid-19 bereitgestellt. Massiv ausgeweitet wurden auch die F&E-Investitionen im Digital- und Pharmasektor.

So wurden in den elf Monaten nach Ausbruch der Corona-Krise bis Ende November 2020 rund 75.000 wissenschaftliche Publikationen zu Covid-19 publiziert – die meisten aus den USA und China und meistens als Open-Access-Publikationen. Deren Inhalte sind also frei zugänglich, nutzbar, veränderbar und weiterverbreitbar, ohne Paywalls, was die Entwicklung von Impfstoffen mit Sicherheit beschleunigt hat.

Auf der Bremse
Mit diesen Entwicklungen gehen teils dramatische Umwälzungen einher. Denn parallel haben führende Konzerne ihre F&E-Investitionen in anderen Sektoren, allen voran in der Automobilindustrie, in Luft- und Raumfahrt sowie in der Verteidigungsindustrie gesenkt (siehe Grafik). Diese Umkehr ist natürlich auch der Wirtschaftskrise geschuldet, die mit der Pandemie und den Lockdowns und Nachfragerückgängen einhergeht und die Umsätze der Konzerne empfindlich dezimiert. Am stärksten auf die Bremse gestiegen ist Boeing, was sich aufgrund der Reisestopps und der Airline-Krise erklärt, die Flugzeugbestellungen zum Erliegen gebracht hat.

Biotech und Pharma gefragt
Im Gegenzug erfuhren freilich die Aktivitäten der Pharmabranche einen regelrechten Push, die F&E-Intensität von Konzernen wie Pfizer oder Astrazeneca schossen nach oben. Nicht zu vergessen die Digitalkonzerne wie Facebook, Apple, Google und Microsoft. Sie waren getrieben von Medienkonsum und Informationsbedürfnis einerseits und anderseits von Telearbeit.

Der Umsatz brach ein, und die Autohersteller strichen ihre Investitionen zusammen. Einzig Tesla scherte aus.

Parallel dazu hat sich die staatliche Unterstützung für F&E in der Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch verändert. Sie findet zunehmend – wie in Österreich mit der Forschungsprämie – in Form von steuerlichen Begünstigungen und Anreizen statt. Die früher gängige direkte Unterstützung (durch Aufträge, Zuschüsse oder Auszeichnungen) gerät seit der Finanzkrise 2008/09 ins Hintertreffen. Die Steuervorteile summierten sich 2017 in den OECD-Ländern bereits auf rund 55 Prozent der gesamten staatlichen Förderungen. Tendenz steigend.

Steuerliche Anreize im Aufwind
Zum Vergleich: Im Jahr 2006 beliefen sich die indirekten Förderungen auf 36 Prozent der staatlichen F&E-Zuwendungen insgesamt. Diese Art der Förderung sei nicht grundsätzlich schlecht, schreiben die OECD-Experten. Aber sind nicht zielgerichtet, führen tendenziell eher zu einer Versteinerung, weil „nur“ bestehende Systeme, Produkte oder Prozesse verändert und verbessert werden (inkrementelle Innovation), aber nicht grundsätzlich Neues angegangen wird.

Die Trendumkehr nahm mit der Finanzkrise Fahrt auf: Die Steuerbegünstigung für Forschungsinvestitionen hat die Projektförderung längst abgehängt.

In Österreich hat sich, ähnlich wie in Frankreich und Großbritannien, die indirekte F&E-Förderung zu einem mächtigen Kostenfaktor entwickelt. Laut dem im Vorjahr publizierten Förderungsbericht des Finanzministeriums beliefen sich die Steuergutschriften für Unternehmensinnovationen im Jahr 2018 bereits auf 713 Millionen Euro – das sind um fast 22 Prozent mehr, als der Staat im Jahr 2017 gewährt hat. Als Grund für den steilen Anstieg wird in der Analyse des Budgetdienstes die Erhöhung der Forschungsprämie von zehn auf zwölf Prozent im Jahr 2016 angeführt.

Forschungsprämie steigt und steigt
Aufwandssteigerungen aus diesem Titel sind programmiert, denn in den 713 Millionen Euro ist die am 1. Jänner 2018 vorgenommene Erhöhung der Forschungsprämie von zwölf auf 14 Prozent noch gar nicht eingepreist. Mit Zeitverzögerung ist zu rechnen, denn kassenwirksam wird die Forschungsprämie erst nach Ablauf jedes Wirtschaftsjahres. Die Unternehmen können die Innovationsprämie erst im Nachhinein bei Erstellung des Jahresabschlusses geltend machen.

Die OECD sieht die stetig steigenden Steuervorteile für Forschungsinvestitionen kritisch: zu wenig zielgerichtet, zu wenig innovativ.

Klug gestaltete direkte Hilfen wären besser, um längerfristige und vor allem risikoreichere F&E zu fördern, für die es ohnehin an Risikokapital mangelt, empfehlen die Experten der OECD, ohne Österreich namentlich zu nennen. Insbesondere in Bereichen, die dem Gemeinwohl dienen, sagt die OECD.

China auf Überholspur
All das sollte freilich nicht überdecken, dass die F&E-Ausgaben im Saldo niedriger sind als früher. „Die F&E-Ausgaben müssen verteidigt werden“, mahnt der OECD-Direktor für Wissenschaft, Technologie und Innovation, Dirk Pilat, mit Verweis auf die finanziellen Belastungen der Staatshaushalte durch Corona. Die F&E-Bruttoausgaben von China steigen stetig, sie betrugen 2018 bereits 80 Prozent der US-Ausgaben – mehr als aller EU-Länder zusammen. „Wir müssen danach trachten, dass F&E in der EU stattfindet, nicht nur in den USA und China, mahnt Thomas Koenen, der Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bund der Industrie. (Luise Ungerboeck, 28.1.2021)

02.02.2021, Quelle: Der Standard.at

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