Höhere Forschungsfinanzierung könnte den europäischen Rückstand in Hightech-Märkten wettmachen. Bessere Rahmenbedingungen lassen aber auf sich warten
Europas – und Österreichs – Forschung verdurstet noch immer viel zu oft im berüchtigten „Valley of Death“. Das in diesem Kontext oft zitierte Tal des Todes beschreibt die Kluft zwischen erfolgreicher Grundlagenforschung und einer relevanten Marktdurchdringung eines resultierenden Produkts. Während in den USA die Plattformökonomie und der Aufstieg von KI-Anwendungen ein enormes Wachstum im Techbereich hervorgebracht haben, während in China Fahrzeug- und Energietechniken auf ein neues Niveau gebracht werden, scheint Europa ins Hintertreffen geraten zu sein. Angesichts einer sich drastisch wandelnden weltpolitischen Lage ist das kein Zustand, auf dem man sich ausruhen sollte.
Studien der vergangenen Jahre haben wiederholt gezeigt, dass eine effektive Forschungsfinanzierung der Schlüssel einer europäischen Aufholjagd ist – allen voran der Draghi-Report von 2024. In dieselbe Kerbe schlagen auch kürzlich publizierte Untersuchungen des Europäischen Patentamts und der Förderagentur FFG in Österreich, die den zentralen Stellenwert angewandter Forschung und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen vor Augen führen. Dem gegenüber steht die Realität des im Februar beschlossenen FTI-Pakts 2027 bis 2029. Das gesetzlich festgelegte Budget für Forschung, Technologie und Innovation (FTI) in Österreich sieht eine leichte Erhöhung für die Grundlagenforschung und ein – in absoluten Zahlen – stabiles Budget für die angewandte Forschung vor. Inflationsbereinigt muss man hier real aber von einem Minus ausgehen. Ein mutiger Sprung, der das Valley of Death überbrücken kann, blieb aus. Können die außeruniversitären Forschungseinrichtungen dennoch damit zufrieden sein?
Angewandte Forschung fördern
Brigitte Bach, Sprecherin der Geschäftsführung des Austrian Institute Of Technology (AIT) und Präsidentin des Dachverbands Forschung Austria, gibt sich dazu diplomatisch: „Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage der europäischen Wettbewerbsfähigkeit wissen wir, dass wir perspektivisch mehr Mittel in die angewandte Forschung investieren müssen. Forschungsausgaben wirken produktivitätssteigernd und mobilisieren zusätzliche Investitionen“, betont die Managerin. „Wenn die Schieflage des Budgets beseitigt ist und die österreichischen Staatsfinanzen wieder auf Kurs sind, dann sollten wir wieder das Regierungsziel einer Forschungsquote von vier Prozent ins Auge fassen.“ In Österreich lag sie 2024 bei einem sehr ähnlichen FTI-Budget bei 3,35 Prozent. Der Draghi-Report hingegen empfahl, Forschungslücken und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Europas ausgehend vom damaligen Status quo mit zusätzlichen Investitionen von vier bis fünf Prozent des BIP der EU-Staaten zu adressieren.
Das dichte Netz an Initiativen für Wissenschaftstransfer und angewandte Forschung, das Österreich in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat, reicht dabei nicht aus. Der zentrale Bedarf liegt weiterhin in der Skalierung, also der Überführung in die industrielle Fertigung und dem Erreichen einer hohen Marktdurchdringung. „Die zentrale Herausforderung liegt heute weniger im ,Ob‘, sondern im ,Wie schnell und wie groß‘ wir Innovation in die Anwendung bringen“, betont Bach. „Hier braucht es durchgängig Angebote für kollaborative und angewandte Forschung, mehr Demonstrationsmöglichkeiten, Testbeds und First-of-a-Kind-Projekte sowie eine bessere Durchgängigkeit von der Forschung bis zur Umsetzung.“ Forschungsförderung und Risikokapitalverfügbarkeit haben sich noch nicht im ausreichenden Maß angenähert. Ebenso wenig greifen Technologie- und Industriepolitik in einem notwendigen Ausmaß ineinander.
Patente als Indikator
Die Studie des Europäischen Patentamts sieht Österreich mit 640 europäischen Patentanmeldungen durch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen in den Jahren 2001 bis 2020 auf Platz neun im EU-Vergleich. Zwei Prozent aller europäischen Patentanmeldungen aus Österreich sind auf außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zurückzuführen. Damit liegt das Land im oberen Viertel der europäischen Staaten. Deutlich höhere Werte bei anderen Staaten verweisen hier oft auf eine andere Rollenaufteilung bei Forschung und Entwicklung.
Bei den großen Forschungsinstituten in Deutschland oder Spanien ist es etwa Usus, das Patent selbst anzumelden und Lizenzen an die Industrie zu vergeben. In den heimischen Forschungskooperationen werden die Patente öfter direkt von den involvierten Industriebetrieben angemeldet, die beteiligten Forschungsorganisationen bleiben unsichtbar. „Patente sind ein wichtiger Indikator – aber Transfer zeigt sich auch in Pilotanlagen, Standards, Lizenzumsätzen, Spin-offs und hoch qualifizierten Talenten. Entscheidend ist, ob Innovation am Standort in Wertschöpfung mündet“, sagt Bach.
Größere Wertschöpfung
Einen Einblick in das wirtschaftliche Potenzial gezielter Forschungsfinanzierung gibt eine Studie der Förderagentur FFG, die die Wirkung ihrer Basisprogramme in der Forschung von Klein- und Mittelunternehmen untersuchte. Demnach werden 81 Prozent der geförderten Projekte wirtschaftlich genutzt. Knapp 90 Prozent führen zu Umsatzeffekten. Im Median erzeugt ein Euro öffentlicher Förderung 8,60 Euro an „zusätzlichem oder gesichertem Umsatz“. Geeignete Rahmenbedingungen helfen, diesen wirtschaftlichen Effekt, der vom Forschungsbereich ausgeht, besser zu nutzen – etwa durch eine Weiterentwicklung des EU-Binnenmarkts für Risikokapital oder durch eine Industriepolitik und öffentliche Beschaffung, die Innovationen begünstigt.
Die außeruniversitäre Forschung in Österreich wünscht sich Planungssicherheit und einen klaren Wachstumspfad. „Nach dem FTI-Pakt ist vor dem FTI-Pakt“, sagt Bach mit Blick auf die Verhandlungen in den kommenden Jahren, in denen für das Budget für 2030 bis 2032 eine deutlich höhere Forschungsquote angestrebt wird. Die Hoffnung ist, dass bis dahin nicht zu viele Innovationsideen im Valley of Death verloren gehen. (Alois Pumhösel, 19.5.2026)
Weiterlesen:
Wie das AIT mit Forschung die Wirtschaft ankurbeln will
Weg von der Gießkanne, hin zur Quantenmilliarde: FFG präsentiert Jahresbilanz 2025
Angewandte Forschung kann in Krisenzeiten dringende Lösungen liefern